25 Jahre Tetris: eine Hommage

// 6. Juni 2009 // Klassiker

TetrisEs verbreitete sich wie ein Virus aus dem nicht allzu fernen Osten über die Gameboys in unsere Köpfe: Tetris. Wie ein russischer Puzzle-Quatsch seine Spieler in den Bann zog und sich zur unausweichlichen Zwangsgewohnheit entwickelte.

Dim – didedim – didedim – didedim – didedim – dedim – di – dim-dim-dim. Das ist meine erste Assoziation zu dem wohl suchtgefährdendsten Spiel des digitalen Universums. Ein bisschen mehr Musik anstelle des Rhythmus weckt die Erinnerung erst richtig – wahlweise die Melodie des berühmten “Korobeiniki”, einem uralten russischen Volkstanz, der bei uns eher schnöde als “Tetris Theme A” bekannt ist.

Tetris kennt jeder. Aus vier Quadraten (Tetris, tetra, logisch) zusammengesetzte Formen purzeln ein Spielfeld hinab und werden so gedreht und platziert, dass sie horizontale, möglichst lückenlose Reihen bilden, die wiederum bei ihrer Vervollständigung im Austausch gegen ein paar Bonuspunkte aus dem Feld entfernt werden, während die darüber liegenden unvollständigen Reihen nach unten nachrücken und sich so lange stapeln, bis nach oben hin kein Platz mehr ist und der Vorhang fällt. Alles klar.

Auf den ersten Blick war Tetris digitaler Dünnpfiff. Bereits 1985 von Alexei Paschitnow in Moskau erfunden und im Ostblock populär gemacht, lernte ich das Spiel erst ein paar Jahre später kennen, als mir zu Weihnachten ein Gameboy geschenkt wurde. Tetris wurde gratis mitgeliefert. Vielleicht, weil es sonst niemand kaufen wollte, wer weiß.

Ich wollte es jedenfalls nicht, dieses komische Ding ohne Spielanleitung, das auch noch aus Russland kam. Russland, das war für mich das Land des Juri Gagarin und der Puschelmützentänzer, das Land der vertrottelten Bösewichte, die in schlechten US-Actionfilmen immer den Kürzeren zogen – und nun eben das Land mit den merkwürdigen elektronischen Puzzlespielen, die kein Schwein interessierten.

Nur Gratisschrott

Tetris war der schnarchnasige Screensaver, mit dem man nichts anfangen konnte, der ja nicht einmal einen Marktwert hatte. Tetris war nur Beiwerk, den es im Laden nicht zu kaufen gab. Gute Gameboy-Spiele kosteten 49 Mark, bessere 59, so einfach war das. Tetris war gratis. Tetris war Schrott. Und ansonsten nur für eine Sache gut: Es war die Antwort auf “Zeig mir doch mal, wie dieses neue Nuntunto-Dings funktioniert, Sohn.” Also ins Kinderzimmer getrabt, die Staubschicht von der Kassette gewischt und den Russenbildschirmschoner eingelegt. Bitteschön, erklärt sich alles von selbst.

Doch zu meiner Überraschung war der werte Papa hellauf begeistert! Spielte mit diesem Puzzlepustekuchen mal eben meine Batterien leer (“R6″ hießen die früher). Beim nächsten Familientreffen wurde es noch schlimmer: Mein Cousin hatte die gleiche Erfahrung gemacht – Onkelchen war Tetris-Fan. Die Väter kassierten unsere geliebten grauen Handheld-Konsolen ein, steckten sie mit einem Link-Kabel zusammen und schickten uns auf den Bolzplatz, damit sie sich auf Russisch duellieren konnten. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Irgendwo musste der Reiz an diesem Puzzle liegen. Ich hatte nur das passende Teilchen noch nicht finden können.

Ich entdeckte es erst Jahre später, das Puzzleteil namens “Chill-Faktor”. Irgendwann wurde mir klar, dass in der Freizeit nicht immer nur pure Action angesagt ist und man auch mal gemütlich die Zeit totschlagen kann, indem man Steinchen auf Steinchen setzt. Mein Lieblingssteinchen wurde das L. Das richtige L, nicht das spiegelverkehrte. Bei dem habe ich nämlich jedes Mal verpeilt, es in die passende Lücke fallen zu lassen. Besondere Bedeutung hatte natürlich die Stange. Ohne Stange kein “Tetris”, also keine mit einem Abwasch entfernte Viererreihe.

Gestohlen bleiben konnte mir das S und das Z. Diese Steine hatten keine Lobby, die waren in etwa so beliebt wie Herpes; strapazierten nur die Nerven, mehr nicht. Niemand hätte sie vermisst, wenn sie von pixeligen Großwildjägern ausgerottet würden. Einfach nur unästhetisch. Da konnte man sich wirklich aufregen, wenn diese verdammten Mistviecher einem die Reihen verbauen, wie sah das denn aus, der kostbare Punktestand, so lange dafür gearbeitet und dann so ein dämliches S oder Z, direkt aus der Hölle auf meinen Schwarz-Weiß-Schirm…

Akute Suchtgefahr

Auf die Entspannung folgte die Sucht. Sucht mit all ihren Begleiterscheinungen: Nur die nächste Tetris-Runde im Kopf, kalter Schweiß auf der Stirn bei Entzug, soziale Verwahrlosung. Doch jede eliminierte Viererreihe löste dann den minimalen Emotionsschub aus, der alles wieder gut machte, von denen ich immer mehr wollte. Kein Problem, Tetris ist ein sehr kurzweiliges Spiel, dauert ja nicht so lange, dachte ich mir. Deshalb konnte man auch so gut noch schnell eine weitere Runde einlegen. Bevor man zum Bus musste, oder die große Schulpause endete, oder das Mittagessen fertig war. Der Sog der Tetris-Manie wuchs unmerklich und schleichend, bis es mich schließlich fest im Griff hatte und es kein Entrinnen mehr gab.

Tetris wurde mein Tick, meine Zwangsgewohnheit. Tetris bei Oma unterm Kaffeetisch, Tetris auf der letzten Bank in der Kirche, Tetris auf dem Klo. Selbst, wenn ich den Gameboy einmal aus der Hand legte: Vor dem geistigen Auge fielen permanent die kleinen Steinchen auf den Boden und stapelten sich dort. Während der Hausaufgaben, beim Fußballtraining, beim Einschlafen. Und immer dieser verfluchte russische Ohrwurm im Kopf. Dim – didedim – didedim – didedim – didedim – dedim – di – dim-dim-dim …

Eine Antwort to “25 Jahre Tetris: eine Hommage”

  1. JH sagt:

    Leider wurde der russische Programmierer Alexei Paschitnow mit dem Kultspiel – Tetris finanziell nur verarscht und brutal um seine Erfindung gebracht.

    Tetris ist und bleibt für mich eine unvergessliche Erfindung die, die Zeit des Computers revolutionierte..

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