“Ben X”: Über die Dreharbeiten im MMORPG “Archlord”
// 8. Mai 2008 // Allgemeines
Ben, autistisch veranlagt, lebt in seiner eigenen Welt, die sich nur noch um das Online-Spiel “Archlord” dreht. Das wirkliche Leben hat nicht viel für ihn zu bieten, im Gegenteil: In der Schule ist er der Außenseiter, der gemobbt und tyrannisiert wird – bis er einen Ausweg findet. In Belgien war der Film “Ben X” (Rezension) ein Riesenerfolg, auf der Berlinale erhielt er Standing Ovations. Wir haben mit Produzent Peter Bouckaert über die Dreharbeiten gesprochen, die auch im Internet stattfanden.
Info: Mitte der neunziger Jahre tauchten im Internet die ersten Machinima auf: Filme, die mithilfe von Computerspielen gedreht worden waren. “Ben X” von Regisseur Nic Balthazar ist der erste Kinofilm, der Machinima-Elemente und herkömmliche Filmszenen vereint. Als Basis diente das Online-Rollenspiel Archlord.
Warum gerade Archlord, Herr Bouckaert?
Bouckaert: Das Drehbuch von Regisseur Nic Balthazar basierte ursprünglich auf dem belgischen Online-Spiel Divine Divinity. Für dieses Spiel war eine neue Version mit hoher Bildschirmauflösung geplant. Sie wurde aber nicht rechtzeitig fertig. Da hörten wir von einem neuen Online-Spiel, Archlord. Es stammt aus Korea, sechs Millionen Menschen spielen es dort täglich.
Worum geht es in dem Spiel?
Bouckaert: Du musst Missionen erfüllen, um Deine Spielstufe zu erhöhen. Du musst Clans und Armee bilden, um Welten zu erobern. Der erfolgreichste Spieler kann für einen Monat einen “Archlord” mit Level 100 einsetzen. Als Archlord bist du eine Art Gott: Fühlst du dich am Montagmorgen schlecht, kannst Du sagen: Ich will jetzt Donner haben – und das gilt dann für alle Teilnehmer des Spiels. Erst nach einem Monat kann ein anderer Clan, der noch erfolgreicher ist, einen neuen Archlord bestimmen und für einen Monat Gott spielen.
Das Spielkonzept passte sehr gut zu unserem Drehbuch: Hauptperson Ben hat Level 80, ist also sehr kurz davor, ein Archlord zu werden. Er ist der Champ, jeder sieht in ihm den kommenden Herrscher.
Wie liefen die Dreharbeiten ab?
Bouckaert: Wir haben den Film teils im Internet gedreht. Wir hatten einen “Location Hunter”, der drei Monate lang in der Online-Welt von Archlord nach geeigneten Drehorten gesucht hat. Außerdem hatten wir fünf Archlord-Spieler engagiert: Zwei für die Figuren Scarlite und Ben X, zwei für die Orks und einen “Kameramann”. Diese unsichtbare Spielfigur hat die Archlord-Firma für uns eingerichtet, sie kann ihren Blickwinkel beliebig verändern. Wir haben die Bilder direkt vom Computer aufgezeichnet und sie mit dem Film zusammengeschnitten. Nic Balthazar saß mit den fünf Spielern in einem Raum und leitete die Dreharbeiten wie bei einem richtigen Film.
Was geschah mit unbeteiligten Archlord-Spielern, die zufällig vorbeikamen?
Bouckaert: Das war ein Problem, denn Archlord spielen Hunderttausende. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war es noch nicht lange auf dem Markt. Die besten Spieler hatten damals vielleicht Level 6 von 100 erreicht. Wenn du im Spiel also Figuren der Level 80 bis 99 mit coolen Waffen herumstehen siehst, ist es so, als ob du Mick Jagger und Elvis in einer Hotel-Lobby treffen würdest. Alle Spieler kamen zu uns und klopften uns auf die Schulter: “Hey, Ihr Leute, wer seid Ihr, wie habt Ihr das geschafft, kennt Ihr Shortcuts, was ist der Trick?” “Nein, wir drehen hier gerade einen Film, könnt Ihr bitte aus dem Bild rausgehen?” Manche sind dann weggegangen, andere wollte nicht gehen, die mussten wir dann töten – was ziemlich einfach ist, wenn man Level 99 hat. Wenn jetzt also ein Betroffener diesen Text liest, möchten wir uns an dieser Stelle bei ihm entschuldigen.
In Archlord gibt es darüber hinaus unkontrollierbare Charaktere, die auf zufälliges Verhalten programmiert sind. Es gab eine Szene mit Ben und Scarlite, die wir in einem Wald drehen wollten. Plötzlich tauchte ein Hirsch auf. Wir mussten ihn töten, aber nach drei Sekunden tauchte er wieder auf, und immer wieder. Wir mussten uns dann einen anderen Drehort suchen.



