Kunst zum Reinbeamen: “Runtfest” und “Fatale”
// 1. Juli 2009 // Previews
Geht es euch auch manchmal so, wenn ihr im Museum seid? Ich stehe vor einem Gemälde und wünsche mich in die dargestellte Szene hinein. Eher nicht in Francisco de Goyas Alptraum-Gemälde (höchstens, um den Schlafenden aufzuwecken), eher schon in die Bilder von Franz Marc. Leider alles bunte Theorie. Oder doch nicht? In Computerspielen lässt sich zumindest simulieren, wie der Besuch in einer gemalten Welt aussehen könnte. Zum Beispiel in Edward Hoppers Nighthawks-Bar.
Das wäre schon was: Einfach in ein Gemälde von Dalí reinspazieren, die brennende Giraffe löschen und die zerrinnende Zeit in einem Marmeladenglas auffangen. Oder mit Vincent van Gogh eine Sternennacht in Südfrankreich genießen. Oder mit Mona Lisa flirten … leider wird Gemälde-Hopping noch nicht von Tui angeboten, deshalb müssen wir uns auf unsere Fantasie verlassen – oder darauf, dass ein Bild, ein Buch oder ein Game sie beflügelt. Als ich hörte, dass die Entwickler von Tale of Tales im Herbst ein interaktives Gemälde präsentieren wollen, war ich sofort begeistert. Der Projektname ist Fatale, als vorrangige Inspirationsquelle dient der Einakter Salomé von Oscar Wilde, ein gar blutiges Theaterstück auf Bibel-Basis: Salomé tanzt vor dem König Herodes Antipas den “Tanz der sieben Schleier” – und verlangt als Gegenleistung, das man ihr den abgeschlagenen Kopf Johannes des Täufers auf einem Silbertablett serviert. Wer hier Survival-Horror erwartet, dürfte aber falsch liegen: “Tale of Tales” ist für subtilen Grusel à la The Path bekannt.
“Fatale” ist natürlich nicht das erste Computerspiel-Projekt, das den Besuch in einem Gemälde simuliert. Ein früher, action-lastiger Vorläufer war das Quake-3-Level Runtfest: Für den First-Person-Shooter baute ein Fan sein Arbeitszimmer originalgetreu nach und setzte die Spielfiguren als Liliputaner zwischen haushohe Schränke, Tische und Regale. An der Wand hing ein riesiges Gemälde von Edward Hopper – wer sich hineinkatapultierte, gelangte in die berühmte “Nighthawks”-Szene. Und obwohl – oder vielleicht gerade weil – die hell erleuchtete Bar völlig leer war, die angeregt plaudernden Nachtschwärmer offenbar schon weitergezogen waren, hatte dieser Moment etwas Magisches.



