Games-Klassiker: Grand Prix Circuit
// 24. Mai 2009 // Klassiker
“Die ultimative Fusion von Auto und Fahrer. Erlebe die Kraft. Die Leidenschaft. Die Leistung.” Die Rückseite der Packung versprach viel – und konnte es auch halten. Mit Rennautos hatte ich zwar nicht viel am Hut, interessierte mich nur mäßig für die Formel-1-Manie meines Bruders. Doch Grand Prix Circuit war anders. Auf einmal konnte ich nicht nur zuschauen, sondern die Strecken aus dem Fernsehen auch selbst fahren – so wie Gerhard Berger, Alain Prost oder der große Ayrton Senna.
Naturgemäß war mir mein Jahre älterer Bruder in sämtlichen Spielen überlegen – bis der Computer kam. Von seinen Kumpels aus der Schule brachte er Spiele mit nach Hause, darunter auch Grand Prix Circuit. Zu Beginn hatte ich keine Chance, – “wer bremst, verliert”, spottete er über meine vorsichtige Fahrweise – aber ich witterte trotzdem eine. Stunde um Stunde, Tag um Tag verbrachte ich damit, die Formel-1-Strecken zu üben. Der Ehrgeiz trieb mich. Im zeitversetzten Familienduell fuhren wir immer wieder dieselben Strecken: Brasilien, Monaco, Japan – und natürlich Italien. Am Ende war es seine letzte Bastion. Er hatte eine scheinbar unerreichbare Zeit aufgestellt, die ich unbedingt schlagen wollte.
Grand Prix Circuit bietet drei verschiedene Wagen: Ferrari, Williams und McLaren. Mein Familienkonkurrent fuhr als Ferrari-Fan selbstredend nur die roten Boliden. Da er aber bereits in der Pubertät und ich vier Jahre jünger war, hatte ich einen klaren Zeitvorteil. Denn das Hauptinteresse meines Bruders lag schon längst beim anderen Geschlecht, Parties und was dazu gehört. Ich dagegen übte und übte am PC, entdeckte auf allen Kursen die Ideallinie – und schlussendlich auch das entscheidende Detail.
Der McLaren hatte zwar nicht die Bodenhaftung des Ferrari, dafür aber die besten Beschleunigungs- und Endgeschwindigkeitswerte. Der Williams war genau dazwischen, er war mittelmäßig schnell, hatte mittelmäßige Bodenhaftung, die Beschleunigung war auch unspektakulär – und deshalb auch mittelmäßig reizvoll zu fahren. Monza ist ein Kurs mit vielen Geraden, auf denen die Höchstgeschwindigkeit eine wichtige Rolle spielt. Also fiel die Wahl auf McLaren.
Die Kunst war es, mit dem Wagen optimal die Kurven anzufahren, und sich im entscheidenden Moment auch mal mit klirrenden – “quietschend” wäre bei der Qualität des Sounds maßlos übertrieben – Reifen aus der Kurve driften zu lassen. Ich jubelte schon, als ich die aktualisierte Rekordliste auf dem Bildschirm sah und dann stolz präsentierte. Doch mein Bruder hatte noch ein Ass im Ärmel: “Du hattest ja auch das schnellere Auto. Schlag’ mich im Ferrari, dann hast du gewonnen.” Eine Frechheit. Und weitere Motivation.
Es gab nur eine weitere Einstellung, an die wir uns bislang nicht heran getraut hatten: Die manuelle Gangschaltung. Geschickt eingesetzt – wie alles andere nur über die Tastatur gesteuert – brachte das mehrere Sekunden. Vorausschauend schaltend waren vor allem die Kurven wesentlich schneller zu durchfahren. Aus der Kurve zu rutschen kostete Zeit, denn während des Schlitterns war Beschleunigung nicht möglich. Plötzlich purzelten alle Rekorde, auch der italienische. Das Gebot hieß also: Wer rutscht, verliert. Die Bastion meines Bruders war gefallen – ich triumphierte.
Download: Grand Prix Circuit



