Games-Klassiker: North & South
// 31. Mai 2009 // Klassiker
Yankees vs. Südstaatler: “North & South” brachte vor fast 20 Jahren die Schlachtfelder des amerikanischen Bürgerkrieges in unsere Kinderzimmer. Dabei verband es Strategie, Action und Witz in einer bunten Comicwelt und wurde so zu einem der spaßigsten Kriegsspiele der 90er Jahre.
Stundenlang kämpfte ich mit meinem Bruder Anfang der 90er Jahre Schlachten auf dem Amiga, bei denen ich im wahren Leben locker den Kürzeren gezogen hätte. Schließlich war ich der Kleinere von uns beiden. Doch in der virtuellen Welt bedeutet reelle Größe nichts. Das wissen wir spätestens seit Second Life. Auf dem Amiga konnte jedoch schon der Joystick alles entscheidend sein. Wer das Keyboard benutzen musste, hatte die Arschkarte gezogen. Immer. Denn nur wer seine Kavallerie mit dem Joystick steuern konnte, mähte mühelos die Kanonen, Pferde und Infanterie des Gegners nieder. Keyboard? Pferde? Infanterie? Hä?
Noch mal von vorn: “North & South”, der Geniestreich von Infogrames, etablierte sich seit 1989 auf Amiga und Atari als Vorläufer der heutigen Echtzeit-Strategie-Spiele – und das mit Spaßfaktor 1000. Dabei waren Plot und Ziel des Spiels gar nicht so lustiger Natur. Es ging um den amerikanischen Bürgerkrieg von 1860 bis 1864, Union gegen Konföderation, Yankees gegen Südstaatler, Nord gegen Süd. Gewonnen hatte – wie soll es anders sein – wer es schaffte, die gegnerischen Truppen niederzumachen. Plump war das Spiel deswegen noch lang nicht. Liebe zum Detail und eine ordentliche Portion Ironie sorgten für ein immenses Suchtpotenzial.
Strategisch wurden die Truppen von den Spielern auf einer Karte ähnlich bewegt wie beim Brettspiel Risiko. Trafen zwei Armeen aufeinander, krachte es auf dem Schlachtfeld gewaltig. Die Blicke, die mein Bruder und ich uns kurz vor dem Scharmützel zuwarfen, waren eindeutig: “Dich mach ich platt!” Mit sich gegenüber stehenden Kanonen, säbelschwingender Kavallerie und einer verbissenen Infanterie wurde geschossen, geritten und herumgerannt. Das Ganze sah dabei nicht nur comicmäßig aus, sondern klang mit seinen Cartoon-Soundeffekten auch wie Krieg in Disneyland. Nicht grundlos, war das Spiel in seiner Optik und Thematik doch am französischen Comic Les Tuniques Bleues (“Die blauen Boys”) der Zeichner Willy Lambil und Raoul Cauvin angelehnt.
Richtig hitzig wurde es vor dem Monitor, wenn man in kleinen Jump’n'Run-Einlagen versuchte, dem Gegner sein Gold für neue Armeen abzuluchsen. Bei Überfällen auf seine Forts und Eisenbahnen kämpfte man nicht nur gegen eine tickende Uhr und den sich verteidigenden Gegner, sondern auch gegen jede Menge Dynamit und bissige Hunde. Als wenn das nicht schon genug wäre, konnten einem auch noch schlechtes Wetter, wütende Indianer und Bomben werfende Mexikaner auf die Nerven gehen.
Und immer, wirklich immer, wenn ich kurz vor dem Sieg stand, hörte ich meinen Bruder sagen: “Du lässt mich jetzt gewinnen!”. Dann zählte er: “Eeeeins, zweeeeei….” – spätestens bei drei tat mir die Schulter weh. Da half es auch nicht, den Joystick zu haben. (Von Thorsten Scheimann)



