Games-Klassiker: Winter Games – Dabeisein war alles
// 17. April 2009 // Klassiker
In Peking gab es letztes Jahr die tollen Olympischen Sommerspiele. Na super! Wer bitteschön hat noch Bock auf diesen Mix aus Doping, Zensur und langweiligen Randsportarten? Lord Akim jedenfalls nicht – er denkt lieber zurück an den olympischen Computerspiel-Klassiker “Winter Games” (Epyx 1985). Technorati Profile
In den Achtzigern leuchtete der olympische Geist noch hell und klar. Zumindest bei uns Computerspiel-Freaks in Emmendingen, einer badischen Kleinstadt. Es war die große Zeit der Commodore-Computer. Der C64 galt damals mit seinem massiven 64-Kilobyte-Arbeitsspeicher als technisches Wunderwerk. Nicht jedem war vergönnt, einen dieser High-End-Rechner zu besitzen. Mein Klassenkamerad Thorsten besaß einen noch viel tolleren C128 und war damit in unseren Augen der Gralshüter des Fortschritts. Wie Eisenspäne um einen Magneten versammelten wir uns jeden Tag nach der Schule um seinen Commodore. Dann wurde gezockt.
Ich habe bereits den olympischen Geist erwähnt. Das Spiel “Winter Games” pflanzte ihn uns tief in unsere jungen Herzen. Dieses Stückchen Software bot einfach alles: Spannung, sportliche Höchstleistungen und eine spektakuläre 16-Farben-Grafik. Bis zu acht (!) Spieler konnten teilnehmen – eine Zahl, die in etwa der Quadratmeterfläche von Thorstens Kinderzimmer entsprach. Während unser Gastgeber mit zitternder Hand die Fünfeinviertel-Zoll-Diskette ins knarzende Laufwerk schob, machten wir Kombattanten uns mental bereit für den spielerischen Härtetest: acht Disziplinen, eine schwerer als die andere. Aber es winkte Gold.
Wir standen fast auf unseren Sitzen, während auf dem Bildschirm ein Männlein im lila Strampelanzug eine breite Treppe hinaufsportelte und oben mit feierlicher Geste das olympische Feuer entzündete. Fünf weiße Friedenstauben stiegen in den winterklaren Himmel empor! Dann ging es endlich los. Meine Lieblingsdisziplin war Biathlon – eine Sportart, die im öffentlichen Bewustsein der Achtziger etwa so viel galt wie Pilzesuchen auf Schlittschuhen. Mich jedoch faszinierte das Gleiten durch die malerische Winterlandschaft. In der Statusleiste zeigte ein Herz bubbernd den Puls. Beim folgenden Schießen war dann “hökschte” Präzision erforderlich – sonst nützte die beste Laufzeit nichts. Selbst in der beschönigenden Rückschau war Biathlon die einzige von acht “Winter Games”-Disziplinen, in der ich jemals etwas gewonnen habe.
Mit Grauen hingegen erinnere ich mich an das Skispringen. Mir war überhaupt nicht klar, wie man das Männchen dazu bringen konnte, halbwegs gerade in der Luft zu bleiben. Logische Folge: Bruchlandung und null Punkte. So würde ich nie ein echter Jens Weissflog werden – der DDR-Springer hatte zwei Jahre zuvor in Sarajevo Gold geholt. Ich aber: pardauz! Sport kann ja so grausam sein.
Wild fuchteln reicht auch
In den restlichen Disziplinen war ich gutes Mittelmaß. Das war allerdings zu wenig, um Lokalmatador Thorsten, der unfairerweise Tag und Nacht üben konnte, in die Schranken zu weisen. Rodeln, Bob, Abfahrt, Eistanz und Eisschnelllauf – Gold war stets vergeben. Unberechenbar und deshalb beliebt war das “Freestyle Skiing”: Hier konnte auch ein blindes Huhn ein Korn bzw. einen Podestplatz finden. Letztlich musste man beim Sprung über die Rampe einfach nur wild mit dem Joystick fuchteln und klicken – die Punktrichter wussten es meist zu würdigen. Dieser unverdiente Ruhm hatte etwas Anrüchiges. Außerdem war Freestyle Skiing damals noch nicht olympisch und deshalb per se eine Sportart zweiter Klasse.
Erst ein Jahr später – die Blasen auf den Fingern waren kaum verheilt – erlöste uns ein neues Spiel von der olympischen Klickstreberei. Sein Name: “California Games”. Spielziel: der coolste Freestyler der gesamten Westküste zu werden. Surfen, skaten, BMX fahren – unter der kalifornischen Sonne schmolzen unsere eisigen Olympiaträume schnell dahin. “Winter Games”? In Kalifornien war immer Sommer.



