Kino trifft Computerspiele: “Ben X”

// 8. Mai 2008 // Reviews

Ben XBen ist ein “Opfer”. Von seinen Mitschülern wird er übel schikaniert. Auf dem Pausenhof und im Klassenzimmer kassiert er Spott und Schläge, die Demütigungen landen per Handy-Video im Internet. Ben wird gequält, weil er sich nicht wehren kann: Er leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer schwachen Form des Autismus. Nur in der virtuellen Welt des Online-Spiels “Archlord” fühlt Ben sich stark und unverwundbar. Wenn er sich an den Computer setzt, vergisst er alle Qualen und wird zum mächtigen Ritter.

Ben XMit seinem Erstlingsfilm “Ben X” begeisterte der belgische Journalist Nic Balthazar auf der diesjährigen Berlinale. Jetzt kommt der preisgekrönte Streifen in die deutschen Kinos. Auf die Idee zum Film kam Balthazar, als er von einem Jungen hörte, der sich mit 17 Jahren in den Tod gestürzt hatte. Daraus wurde das Buch “Nichts war alles, was er sagte”, ein Theaterstück und schließlich der Film mit Greg Timmermans (26) in der Hauptrolle.

Herausgekommen ist ein packendes Drama, das aus zwei Gründen zu den besten Filmen des Jahres zählt: Zum einen behandelt Balthazar Themen wie Mobbing, Happy Slapping und Internet-Sucht mit Ehrlichkeit und ohne Vorurteile. Zum anderen fängt “Ben X” die Stimmung der Online-Rollenspiele originalgetreu ein: Der Film ist eine Mischung aus “realen” Filmszenen, fiktiven Zeugenaussagen von Bens Angehörigen und Mitschülern sowie Spielszenen aus “Archlord”.

Fließende Übergänge zwischen beiden Welten ziehen den Zuschauer tief hinein in die Wahrnehmung von Ben, der immer weniger zwischen Spiel und Realität unterscheiden kann: Morgens, nach dem Aufstehen, erscheint neben dem Badezimmerspiegel ein Computermenü mit seinen Charaktereigenschaften. Wenn er über den Schulhof geht, sieht er sich selbst aus der Vogelperspektive, seine Peiniger verwandeln sich in grimmige Orks. Ach, wäre er doch nur so mächtig wie im Spiel!

Quests mit Scarlite

Bens mit allerlei Fantasy-Figuren geschmücktes Zimmer gleicht einem Portal, durch das er sich in die heldenhafte Welt von “Archlord” beamt. Wenn er sich an den Computer setzt, wird er ruhig und fokussiert. Im Spiel hat er eine Gefährtin, Scarlite, die ihn auf seinen Quests begleitet. Sie ist die Einzige, die ihn zu verstehen scheint, die ihn nicht drangsaliert wie seine Mitschüler und auch nicht bemitleidet wie seine hilflose Mutter. Ben möchte die echte Scarlite (Laura Verlinden) kennen lernen – doch der Weg zurück in die reale Welt ist weit. Bens Welten stürzen immer mehr ineinander. Er probt den Aufstand gegen seine Peiniger, wappnet sich für das “Endgame”. Doch die finale Schlacht endet mit einer Überraschung.

Viel wird in den Medien über “Computerspiel-Sucht” diskutiert. “Ben X” gelingt es mit im wahrsten Sinn des Wortes spielerischen Mitteln, das Thema gedanklich zu durchdringen und sinnlich erfahrbar zu machen. Über die faszinierenden Dreharbeiten zu “Ben X” spricht Produzent Peter Bouckaert im Interview.

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