Stalker Clear Sky: Reichlich verstrahlt

// 9. September 2008 // Reviews

Stalker Clear SkyAm 26. April 1986 geschah das Unfassbare: Eine Kernschmelze im ukrainischen Reaktor Tschernobyl setzte große Mengen Radioaktivität frei. Die Evakuierung der betroffenen Gebiete kam zu spät – Tausende starben mittel- oder unmittelbar an den Folgen der Strahlung. Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen, zurück blieben entvölkerte Landstriche. Die Fotos der Geisterstadt Pripjat gingen um die Welt und prägen auch heute noch den Mythos Tschernobyl. Die Idee junger ukrainischer Programmierer, aus diesem Mythos ein Computerspiel zu machen, mag angesichts der zahllosen Kastastrophenopfer gewagt erscheinen. Dennoch ist jetzt schon die zweite Ausgabe von “Stalker” erschienen – wir haben sie getestet.

Für ein gemütliches Picknick ist die Zone nicht besonders gut geeignet. Lästige Mutanten lauern hinter jedem Strauch, verfeindete Banden liefern sich Schusswechsel, und wenn man dann mal ausnahmsweise seine Ruhe hat und das Butterbrot auspacken will, fängt auch schon der Geigerzähler an zu ticken. Nein, die Zone rund um den havarierten Reaktor von Tschernobyl ist wahrlich kein Naherholungsgebiet. 30 Quadratkilometer hochkontaminiertes Niemandsland locken nur die Mutigsten unter den Glücksrittern an. In den Sümpfen und Wäldern rund um die Reaktor-Ruine suchen sie nach Artefakten, nach wertvollen Gegenständen, die ihren Trägern übernatürliche Fähigkeiten verleihen und auf dem Schwarzmarkt enorme Summen bringen. Einer dieser Glücksritter, ein Stalker, bist Du.

Die Zone lebt

Die Story von “Clear Sky” unterscheidet sich nur unwesentlich von der des Vorgänger-Spiels. War “Shadow of Chernobyl” im Jahr 2011 angesiedelt, so spielt “Clear Sky” fünf Jahre früher. Zwanzig Jahre nach der Kernschmelze im Atomreaktor hat sich dort eine neue, schwere Explosion ereignet. Wissenschaftler sehen die Entwicklung mit Sorge. Die Forscher vermuten, dass das Gleichgewicht der Zone durch den Einfall der Stalker-Horden massiv gestört wurde und nun dabei ist, vollends zu kippen: Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes könnte die Folge sein. Auf ihrer Suche nach neuen Erkenntnissen wird die Forscher-Truppe “Clear Sky” in Kämpfe mit räuberischen Stalker-Banden und dem Militär verwickelt, das ebenfalls Interessen in der Region hat. In den Sümpfen Tschernobyls kommt es zu Kämpfen um strategisch wichtige Positionen; mittendrin unser Held, der Stalker “Narbe”. Sein Ziel ist es, einen unbekannten Raub-Stalker zu stoppen, der auf dem Weg zum Reaktor ist und dort die Katastrophe auslösen könnte.

Stalker Clear SkyDas klingt spannend und ist es auch. Zu Fuß macht sich “Narbe” auf in die unwirtlichen Weiten der Zone. Bei Tag und Nacht, in Wind und Wetter, unter einem dramatisch bewölkten oder vom Sonnenuntergang gefärbten Himmel begibt er sich auf die Fährte des Unbekannten. In seinem einfachen Lederpanzer ist Narbe nur unzureichend vor der gefährlichen Strahlung geschützt, die in tödlichen Naturphänomenen, sogenannten Anomalien, zum Ausbruch kommt. Monster und feindliche Stalker machen Narbes Mission zu einem Spießrutenlauf.

Teuer und gefährlich

Womit wir auch gleich beim Haupt-Kritikpunkt wären: “Clear Sky” ist deutlich schwerer zu bestehen als das Vorgänger-Spiel. Selbst im Anfänger-Modus trifft man auf solch massive Gegenwehr, das Zwischenspeichern und Reloaden zur rituellen Handlung wird. Das mangelhafte Balancing erstreckt sich auch auf die eigene Ausrüstung: Hier kann der Spieler zwar zukaufen und nachbessern lassen. Allerdings sind bessere Schutzanzüge und Waffen-Upgrades so teuer, dass man ständig massenhaft Schrott verscherbeln muss, um sich das finanzieren zu können.

Stalker Clear SkyAuch die Missionen sind reichlich unausgewogen: Narbe hastet kilometerweit durch gefährlich Sümpfe, nur um zwei Stalker-Kollegen gegen drei tollwütige Mutanten-Schweine zu helfen. Oder er wartet buchstäblich stundenlang an einem entlegenen Außenposten auf den groß angekündigten Angriff feindlicher Stalker. Das Konzept der offenen Spielwelt, das bei “GTA 4″ zufrieden stellend umgesetzt wurde, nervt bei “Clear Sky” manchmal einfach nur. Vielleicht können die Macher mit einem weiteren Patch (ein erster ist bereits erschienen) noch die allzu groben Unebenheiten ausbügeln.

In einigen wichtigen Punkten bietet “Clear Sky” gegenüber “Shadow of Chernobyl” klare Verbesserungen: Das Inventar ist übersichtlicher gestaltet, die Ausrüstung lässt sich besser upgraden und die Grafik holt nun wirklich das Letzte aus Euren Rechnern heraus: Kaum ein anderes Spiel bietet vergleichbare Naturerlebnisse. Auch wenn der Mond im schwarzen Brackwasser und die Kameraden rund ums Lagerfeuer letztendlich nur aus Pixeln bestehen.

Interview mit Oleg Yavorsky (GSC Game World) über “Stalker: Clear Sky”

Die Website zum Spiel

Hintergrund: Das Vorgänger-Spiel
Der Mix aus realen Ereignissen und Science Fiction machte “Stalker” zu einem der meisterwarteten Computerspiele aller Zeiten. Die Kombination aus Shooter und Rollenspiel wurde von der ukrainischen Firma GSC Game World entwickelt, also von Menschen, die das Unglück hautnah miterlebt hatten. “Stalker: Shadow of Chernobyl” (2007) beeindruckte mit einer dichten Atmosphäre und detailliert nachgebauten Originalschauplätzen. Als namenloser Abenteurer ohne Gedächtnis machte sich der Spieler auf, das Geheimnis in den Trümmern des Reaktors zu erkunden. Leider nervte “Shadow of Chernobyl” mit technischen Unzulänglichkeiten und einer veralteten Grafik. So war es denn nur eine Frage der Zeit, bis GSC nachlegen und den Mythos Tschernobyl noch einmal beschwören würde.

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