Der Tegernsee-Simulator oder: Playing unplugged
// 28. Juli 2009 // Allgemeines
Ohne Handheld-Konsole werden wir in den Ferien vor Langeweile sterben – zumindest murmelt uns das die Games-Industrie mantraartig ins Ohr. Ich war jetzt mal am Tegernsee und muss sagen: Nervenkitzel gab’s auch ohne Gamblen zur Genüge.
Der Tegernsee ist schön. Nicht “supersuperschön”, wie irgendwelche Volksmusikvollpfosten gerne behaupten, aber schön. Umrahmt von malerischen Bergkuppen liegt er da, im glasklaren Wasser schaukeln die Enten, und sanfte Wellen schlagen an die sandigen Ufer. Wenn die Sonne scheint, will man jodeln vor lauter Wonne. Trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, mich gleichzeitig im Urlaub und in einer Simulation zu befinden. Genauer gesagt in einer Mischung aus “Die Sims 27: Rich People”, “Demografie-Simulator 2030″ und “Grand Auto VIII” (ohne “Theft”). Spätestens in dem Moment, als eine rüstige Rentnerin im fetten Benz uns mit einem gnadenlosen Überholmanöver beinahe in die Kuhweide zwang, wusste ich: Dies ist ein Spiel, wie du es noch nie gespielt hast. Welcome to lago di bonzo. Uli Hoeneß wohnt hier übrigens auch.
Zum Glück gab’s dann aber auch noch ein anderes Spiel, ebenfalls unplugged, aber mit erheblich geringerem Risiko. Obwohl auch hier die Fetzen flogen. Kennt jemand von euch Jungle Speed? Nein, das ist keine Modedroge, sondern ein supersuperspannendes Reaktionsspiel. Das Gute: Man muss bei diesem Spiel kaum nachdenken. Es eignet sich somit bestens für bierselige Abende in Tegernsee-Hütten. Nicht umsonst hat es eine alpenländische Firma entwickelt, nämlich die Wiener Spielkartenfabrik Piatnik. Wahrscheinlich ist “Jungle Speed” eines der besten Nicht-Computerspiele dieser Welt.
Das Spielprinzip ist einfach: In der Tischmitte wird ein Totem aus Holz aufgestellt. Jeder der 2-12 Spieler bekommt einen Stapel mit verdeckten Symbolkarten. Dann wird nacheinander aufgedeckt. Kommen gleiche Symbole zum Vorschein, müssen die Kartenbesitzer blitzschnell nach dem Totem schnappen. Der Verlierer des Duells bekommt die gegnerischen Karten. Wer alle Karten los ist, hat gewonnen.
Gewollte Eskalation
Richtig spannend wird “Jungle Speed” mit den Aktionskarten: Plötzlich gilt nicht mehr die Symbolform, sondern die Farbe. Oder alle müssen gleichzeitig aufdecken. So weit die offiziellen Spielregeln – wir haben das Ganze dann noch mit Pflichtsprüchen und Tabuwörtern kombiniert. Für jedes falsche/fehlende Wort gab’s eine Strafkarte. Natürlich kann man das Spiel auch gewollt eskalieren lassen, indem man das Totem in einen separaten Raum stellt – dieses schockierende Video aus Übersee beweist es (ab Sekunde 45):
Mittlerweile gibt es “Jungle Speed” übrigens auch als Konsolenspiel. Kein Wunder, dass es auch als WiiWare erfolgreich ist – aber macht die digitale Verwurstung wirklich Sinn? Warum soll ich knapp 12 Euro (in Wii Points) ausgeben, um als semilustiger Affe nach dem virtuellen Totem zu grabschen? Dann doch lieber real und mit Bier und in einer Voralpenhütte, wohlbehütet vor terroristischen Tegernsee-Rentnern.



