Utopia in der Todeszone
// 1. Juli 2008 // Reviews
“Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele”: Der Titel des Buches macht zunächst ein bisschen ratlos. Ist hier wieder einer von diesen Sozialpädagogen am Werk, die Computerspiele als Ausbund alles Bösen sehen? Die uns beweisen wollen, dass, wer in den Daddel-Apfel beißt, geradewegs in die virtuelle Hölle kommt? Ganz im Gegenteil: Kaum jemand hat je so vorurteilsfrei und neugierig über Computerspiele geschrieben wie Andreas Rosenfelder.
“Vielleicht spürt man die rätselhafte Offenheit des nackten Lebens nie so deutlich wie in dem Moment, wo man spät in der Nacht den Rechner herunterfährt und die Ventilatoren ersterben hört. In diesem Moment stirbt immer eine ganze Welt.”
Jeder Computerspieler kennt den Moment der Ernüchterung, den Andreas Rosenfelder im Vorwort seines Buches so treffend umschreibt. Es ist der Moment, in dem uns das “schwarze Loch Computerspiel” wieder ausspuckt und in den Alltag entlässt. Während wir uns gähnend die Schläfen reiben und kopfschüttelnd auf die Uhr blicken, läuft vor unserem inneren Auge das Spiel einfach weiter: dunkle Gänge, Gebirgsketten, Steilkurven, Aliens. Es ist ein schöner und schrecklicher Moment, in dem sich tiefe Zufriedenheit mit Missmut über die vergeudete Zeit mischt, Erleichterung mit Wehmut mischt. Tief in uns drin spüren wir die ganze Faszination und Widersprüchlichkeit der Spielwelt, der wir anzugehören glaubten und die dennoch wie eine Seifenblase zerplatzt ist. Woher kommt diese Faszination? Der Autor bleibt ihr in seinem spannenden Buch ganz dicht auf den Fersen.
Er sei selbst nie ein “konsequenter Spieler” gewesen, habe selbst nur eine Handvoll Computerspiele bis zum erlösenden Schlussbildschirm durchgespielt, bekennt der Autor gleich zu Beginn. Und brennt dann doch im nächsten Atemzug ein Feuerwerk an Anekdoten, Erkenntnissen und Querverweisen ab. In zehn Kapiteln umkreist Rosenfelder das Phänomen Computerspiele höchst kurzweilig und aufschlussreich. Seine Entscheidung, sämtliche Wirkungsstudien außen vor zu lassen, kann man nur begrüßen. Computerspiele können aggressiv machen, klar, das wurde schon hundertfach bewiesen und muss nicht noch mal durchgekaut werden.
Mafioso im Terminstress
Der Autor interessiert sich für anderes. Beispielsweise für die Frage, was das für eine “fast schon sinnlose Form von Disziplin” ist, die in vielen Computerspielen herrscht. Der Autor schlägt dafür einen Bogen von Adornos “Amusement”-Begriff über Max Webers Studie protestantischer Ethik hin zum Bienenzüchter Aristoteles und zu Will Wrights SimAnts. Das klingt jetzt nach Bildungsbolzerei, ist aber mit leichter Hand geschrieben und sehr spannend. Und wirklich lustig wird es, wenn Rosenfelder das Mafia-Spiel “Der Pate” als “Karrieretrainer” entlarvt, “wie ihn sich die EDV-Abteilung eines Berufsberatungszentrums nicht gründlicher hätte ausdenken können”. Der irre Terminstress, dem man als Mafioso in dem Spiel ausgesetzt ist (Schutzgelderpressung, Auftragsmord, Bestechung, Bankraub, Pizza essen mit den Kollegen), hat letztlich gar nichts mehr mit dem romantischen Idealbild vom vogelfreien Verbrecher zu tun. Auch im Gangster-Epos “Grand Theft Auto: Vice City Stories” muss der Spieler ein ganzes Level lang Whiskey-Kisten mit einem Gabelstapler umschichten – und investiert bereitwillig ganze Abende in die Bewältigung dieser völlig zweckfreien Aufgabe. “Knochenjob: Warum die Arbeit in den Videospielen nicht ausgeht” gehört zu den besten Kapiteln des Buches.
Ebenfalls sehr spannend ist das Kapitel über virtuelles Veteranentum und die Besuche des Autors in osteuropäischen Spiele-Schmieden. In einem tristen Industriegebiet von Kiew trifft Rosenfelder ukrainische Game-Designer, die ihr persönliches Tschernobyl-Trauma als Inspiration für den Science-Fiction-Shooter “Stalker” nutzten. Nostalgie und Zukunftsvision zugleich – wir verfolgen gebannt, wie “Ersatz für die verlorenen Weißflecken auf der Erdkarte” entsteht. Reift hier ein neues Utopia heran?
Digitale Wanderjahre
Weniger interessant, weil bereits vielfach beschrieben, ist die Schilderung der weltweiten E-Sport-Szene. Was die Gesamtleistung des Autors nicht schmälert: “Digitale Paradiese” ist ein Fest für Computerspiel-Freunde – und ein Denkanstoß für all diejenigen, die in Computerspielen nur brutale Pixel-Massaker und Realitätsflucht sehen wollen. Wie eindimensional diese Sichtweise ist, führt der Autor anschaulich in dem Kapitel “Digitale Wanderjahre” vor: Schon in der deutschen Romantik um 1800 wurde vermutet, dass “wahre Herzensbildung außerhalb der zuständigen Institutionen stattfindet und sich zufälliger Medien bedient, sprich: Man lernt immer genau dort am meisten, wo es eigentlich nichts zu lernen gibt”. Zu dieser Erfahrung gehören eben genau die sinnlosen Eskapaden am Bildschirm. Ob als Skater in “American Wasteland” oder als Graffiti-Sprayer in “Getting Up”: Der Spieler taucht in fremde Lebenswelten ein. Faszinosum Computerspiel: Andreas Rosenfelder hat mit seinem Buch allen Spielern und Entdeckern aus der Seele gesprochen.
Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele. Andreas Rosenfelder, Kiepenheuer & Witsch 2008. 192 S., 8,95 Euro.



