Zeno Clash: Surreale Prügelei

// 11. Mai 2009 // Reviews

Zeno ClashDein Bruder hat einen Schweinekopf. Deine Schwester eine Rattenschnauze. Und deine Mutter ist gleichzeitig dein Vater. Alle zusammen sind sie mächtig sauer auf dich. Willkommen in der Welt von “Zeno Clash”.

Früher, da war Ghat ein Corwid. Wild und unabhängig, so wie seine Brüder und Schwestern. Kein Sklave der Wirklichkeit wie die gewöhnlichen Menschen. Frei, der inneren Stimme zu gehorchen – auch wenn die Stimme von Zerstörung sprach, auch wenn sie die totale Anarchie predigte. Es hieß, die Corwid seien wahnsinnig, aber das war nur die halbe Wahrheit. Sie taten nur das, was ihre Bestimmung war. Oxameter wollte immer geradeaus, deshalb lief sie ständig gegen Bäume. Helim wollte unsichtbar sein, deshalb riss er allen anderen die Augen aus dem Kopf. Gabel fraß Menschen, so war er nun mal. Und Animasta ließ sich fressen, sie wollte es so.

Zeno ClashGhat aber wollte sich nicht fressen lassen. Stattdessen wollte er alles wissen über seine Herkunft, über die mächtige Vater-Mutter, die sie alle gezeugt und geboren, aufgezogen und zu dem gemacht hatte, was sie jetzt waren. Aber Vater-Mutter hatte ein dunkles Geheimnis, und als Ghat es herausfand, packte ihn der blanke Hass. Er wollte Vater-Mutter töten, doch der Anschlag misslang. Jetzt muss Ghat fliehen – seine Geschwister sind ihm dicht auf den Fersen.

Die Handlung, in die uns “Zeno Clash” stürzt, ist von archaischer Kraft: Ein Einzelner erhebt sich gegen eine Horde von Wahnsinnigen. Und weil er selbst aus dieser grausamen Sippe stammt, ist seine Mission äußerst zwiespältig. Die Monster, die er bekämpfen und besiegen muss, diese abstoßenden Mischwesen aus Mensch und Tier, sind seine Brüder und Schwestern. Wer gibt ihm das Recht, sie von ihrem Schicksal zu erlösen? Gibt es überhaupt ein besseres Leben für sie? Ghat ahnt, dass dem so ist. Und dass er Vater-Mutter töten muss, um weiteres Unheil zu verhindern. Diese Erkenntnis macht ihn zum Outlaw, zum Gejagten. Gemeinsam mit der geheimnisvollen Deadra flieht Ghat aus der Stadt Halstedom, einer bizarren Ansammlung von Felspalästen, hinaus in die Weiten von Zenozoik. Doch in den Wäldern, Sümpfen und Wüsten dieser Wunderwelt warten neue Gefahren; mit blanker Faust und grotesken Waffen bahnen sich die Flüchtenden ihren Weg durch Heerscharen von Corwid-Schergen.

Vom Setting her könnte “Zeno Clash” ein Fantasy-Epos sein – tatsächlich aber ist es das wohl fantasievollste Beat’em’up der nicht mehr ganz so jungen Computerspielgeschichte. Rund neunzig Prozent der Spielzeit bestehen aus beinharten Kämpfen – und diese erbarmungslosen Prügeleien sind mindestens ebenso beeindruckend wie die farbenprächtige Kulisse und die bizarren Charaktere. Ghats Schläge und Tritte kommen mit einer Wucht, die fast schon körperlich spürbar ist. Massive Seitwärtshaken brechen die Defensive der Gegner auf, schnelle Punches bereiten den Knock-Out vor: wahlweise einen krachenden Tritt vor die Brust oder einen deftigen Ellenbogen-Check auf den Schädel. “Zeno Clash” ist brutal, gewiss, verzichtet aber auf unnötige Splatter-Effekte.

Zeno ClashDie vielfältigen Kampftechniken der Corwids verlangen immer wieder neue Block- und Konter-Strategien. Die werden Ghat von Matamok beigebracht, einem mysteriösen Lehrmeister, der immer wieder in Rückblenden auftaucht. Unterwegs finden Ghat und Deadra bizarre Schlag- und Schusswaffen, beispielsweise eine Flinte aus Knochen oder eine Fischpistole. Im Infight mit mehreren Corwids sind diese Kampfwerkzeuge eher hinderlich, bei Boss-Gegnern jedoch unverzichtbar. Ganz besonders dann, wenn der Boss-Gegner ein blinder Scharfschütze ist, der auf dem Kopf eines turmhohen Kamel-Sauriers thront und Ghat mit Eichhörnchen (!) bewirft, die an Fallschirmen herabsegeln und Dynamitstangen auf dem Rücken tragen.

Höllenwesen à la Bosch

Hinter der fiebertraumhaften Welt von Zenozoik steckt der chilenische Independent-Entwickler “ACE Team”. ACE, das sind die Initialen der drei Brüder Andres, Carlos und Edmundo Bordeu – ein Trio, das früher Mods für Doom und Quake entwarf. Für ihr erstes kommerziellen Projekt “Zeno Clash” ließen sie die ausgetrampelten Action-Pfade weit hinter sich. Im Interview mit horrorstyle.com nennt Andres Bordeu die Höllendarstellungen des mittelalterliche Malers Hieronymous Bosch, die Fantasy-Illustrationen von John Blanche und den Film “The Dark Crystal” von Jim Henson/Frank Oz als Haupt-Inspirationsquellen. Damit nicht genug: Die bizarre Architektur schwankt irgendwo zwischen Antoni Gaudi und Star Wars, die surrealen Landschaften könnten von Salvador Dali stammen, und auch David Cronenbergs Film “eXistenZ” wird in den Knochen-Waffen zitiert. Nicht zu vergessen: Jodorowsky, del Toro, Gaiman

Zeno ClashEs ist das Verdienst von Chef-Designer Edmundo Bordeu, aus dieser Vielzahl von Einflüssen ein stimmiges Ganzes gezimmert zu haben. Schade nur, dass diese fantastische Welt nicht viel mehr ist als eine Kulisse für die spaßigen, aber irgendwann auch routinierten Prügel-Orgien. Viel lieber, als nur von einer Kampf-Arena zur nächsten geschleust zu werden, würde man Zenozoik frei erkunden. Immerhin haben die Bordeu-Brüder das Story-Ende so weit offen gelassen, dass eine Fortsetzung wahrscheinlich ist. Das ACE-Team dürfte mit “Zeno Clash” genügend Geld einnehmen, um ein Sequel zu finanzieren.

Einige kleinere Schwächen mag man dieser beeindruckenden Independent-Produktion getrost verzeihen. Mit 4-6 Stunden Spielzeit ist “Zeno Clash” vergleichsweise kurz. Auch hängt die Story im letzten Drittel ein wenig durch. In den Kämpfen ist von Nachteil, dass sich die Tastenbelegung nicht ändern lässt. Mit “E” nimmt man Waffen auf, sammelt Gesundheits-Früchte und zentriert seine Angriffe auf einen bestimmten Gegner – in den turbulenten Prügeleien lässt sich das nur bedingt auseinanderhalten. Zu guter Letzt hätte ich mir auch einen Multiplayer-Modus gewünscht – ein Feature, das die Entwickler hoffentlich bald nachschieben werden. In jedem Fall ist “Zeno Clash” mit 15,99 Euro (via Steam oder Direct2Drive) ein echtes Schnäppchen – und jetzt schon eines der besten Spiele des Jahres.

Website zum Spiel
Demo bei Steam

Eine Antwort to “Zeno Clash: Surreale Prügelei”

  1. Indy sagt:

    Gekauft!

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