Zombies aller Länder, vereinigt Euch!
// 15. Juli 2008 // Allgemeines
Sie sind faul, gefräßig und riechen streng: Zombies sind die Kellerkinder unter den Monstern. In Filmen und Computerspielen tauchen die bleichen Gesellen immer wieder als gern gesehene Gäste auf – allerdings spielen sie meist die Rolle des dämlichen Schreck-Viehs. Auf der Spielemesse E3 in Los Angeles sind wieder zwei Zombie-Titel am Start. Aus diesem Anlass hat wir tief in der Gruselkiste gekramt. Vorsicht: Nichts für schwache Nerven und zart besaitete Gemüter.
Die Zombies kommen. Auch auf der E3 sitzen uns die Untoten wieder im Nacken. Gleich zwei Spiele widmen sich den lebenden Leichen: Mit “Resident Evil 5″ setzt Entwickler Capcom seine erfolgreiche Survival-Horror-Reihe fort – zwölf Jahre, nachdem das erste “Resident Evil” für die Playstation erschienen ist. In “Resi 5″, wie es die Fans nennen, sucht der Spieler in Afrika nach den Ursprüngen des verheerenden Zombie-Virus. Literweise kalter Schweiß ist da garantiert – im ersten Quartal 2009 soll das Game für PS3 und Xbox 360 erscheinen.
Der zweite Untoten-Titel auf der E3, “Left 4 Dead”, gibt dem Genre einen etwas anderen Dreh. Vier Spieler erwehren sich im Koop-Modus einer ausufernden Zombie-Attacke. Der Clou: Online können Spieler auch in die Rolle von sogenannten Bossen schlüpfen, besonders mächtigen Zombies, und den menschlichen Gegnern das Leben zur Hölle machen.
Aus Zombie-Sicht ist ein solches Computerspiel natürlich die Krone der Aufklärung. Waren die Untoten in der Popkultur doch nahezu immer auf die Rolle der fauligen Freaks abonniert. Einige löbliche Emanzipationsversuche sollte man allerdings nicht vergessen. 2005 veröffentlichte Wideload Games das Spiel “Stubbs the Zombie – Rebel Without a Pulse”. Stubbs, ein ehemaliger Verkäufer von Lebensversicherungen, treibt in den Vereinigten Staaten der 50er Jahre sein Unwesen. Der Spieler schlüpft in seine faule Haut und muss dann fleißig menschliche Gehirne verspeisen – wodurch die Zombie-Horde immer mehr Zuwachs erhält. Stubbs kann als fortgeschrittener Untoter einfache Gegenstände als Waffen verwenden und sogar Traktor fahren.
Mag Stubbs auch noch so sympathisch wirken – manchmal fragt man sich schon, woher die Faszination der Lebenden für die agilen Leichen stammt. Ideengeschichtlich geht das Zombie-Konzept bis auf die frühe Menschheit zurück. Die Angst, Verstorbene könnten aus ihren Gräbern kriechen, wurde mit allen möglichen Maßnahmen zu besänftigen versucht: Verbrennung, Fesselung, Sonderbewachung des Sarges. Eine Variante dieser Urangst kommt im Voodoo-Kult zum Tragen: Schwarzmagier können Lebende angeblich durch einen Fluch oder durch Gift in einen scheintoten Zustand versetzen. Nach der Beerdigung buddeln sie den Leichnam wieder aus, verabreichen ihm ein Gegengift und lassen ihn anschließend als willenlose Kreatur für sich arbeiten.
Wer sich jetzt lauthals von diesem “Aberglauben” distanziert, sollte nicht vergessen, dass die Games-Industrie eine ähnliche Rolle spielt wie haitianische Schwarzmagier. Oder wie ist zu erklären, dass weltweit Millionen zumeist junger Menschen wie Zombies vor der Konsole hocken? Zu allem Überfluss spielen einige von ihnen wahrscheinlich auch noch “Land of the Dead – Road to Fiddler’s Green”. Dieses eher mittelprächtige Computerspiel erschien 2005, im gleichen Jahr also, in dem George A. Romero den vierten Teil seiner Zombie-Serie in die Kinos brachte. In der Filmgeschichte hat Romero einiges zur Emanzipation der Untoten beigetragen. In “Land of the Dead” sind sie sogar zu strategischem Denken fähig und starten eine Revolution – der Film ist mit zahlreichen Anspielungen auf die Ungerechtigkeiten der US-amerikanischen Gesellschaft gespickt.
“Zombies sind wie wir”, sagte Romero anlässlich des Filmstarts in einem Interview. “Die größten Monster sind doch sowieso unsere Nachbarn, der schlimmste Horror befindet sich immer direkt nebenan.” Folglich stattete der Regisseur die lebenden Leichen in “Land of the Dead” mit menschlichen Charakter-Eigenschaften aus. Plötzlich waren sie keine krude Masse mehr, sondern hatten Wiedererkennungswert. Der frappierende Unterschied wird besonders deutlich, wenn man sich zum Vergleich den Trailer von Romeros Zombie-Erstling “Night of the Living Dead” (1968) anschaut.
Gegenüber aktuellen Produktionen anderer Regisseure äußerst sich Romero eher ungnädig. Besonders stören ihn rennende Untote: “Wenn die Zombies nur noch Derwische sind, dann bleibt keine Zeit mehr, sie zu charakterisieren.” Damit mag Romero Recht haben. Allerdings machen hyperaktive Wiedergänger optisch richtig was her – bestes Beispiel ist der Film “28 Days Later” (2002) von “Trainspotting”-Regisseur Danny Boyle. Mit ihrer enormen Spurtschnelligkeit würden die britischen Zombies bei Olympia sämtliche Sprint-Medaillen abgreifen.
Und sie rennen immer noch … der Nachfolge-Film “28 Weeks Later” setzte 2007 die Menschenhatz fort – allerdings mit mäßigem Publikumsapplaus. Kommerziell erfolgreicher war 2004 Zack Snyders Romero-Remake “Dawn of the Dead” gewesen. Der Film funktionierte bestens als Popcorn-Kino, begeisterte viele Filmkritiker aber auch wegen seines konsumkritischen Ansatzes: “Dawn of the Dead” spielt zu großen Teilen in einer verbarrikadierten Shopping-Mall.
Zwischen Zombie-Filmen und Zombie-Computerspielen ergeben sich jede Menge Wechselwirkungen. Zum Beispiel finden sich die superschnellen Zombies aus “28 Days Later” und “Dawn of the Dead” in dem aktuellen E3-Titel “Left 4 Dead” wieder. Das Spiel “Stubbs” lebt von seinem Retro-Charme, den es sich aus den Monster-Filmen der 50er Jahre leiht. Umgekehrt geht es auch: Der Film “Resident Evil” (2002) mit Milla Jovovich war ein Spin-Off des Playstation-Spiels. Jovovichs Kampfkünste und einige Monster wie etwa die mutierten Riesenhunde sind direkt dem Spiel entnommen.
Vielen Games-Adaptionen für die Kinoleinwand merkt man allerdings die lieblose Umsetzung an. Besonders Fließband-Regisseur Uwe Boll hat sich in dieser Hinsicht unrühmlich hervorgetan. Seine Verfilmungen von Spielen wie “Postal” oder “Alone in the Dark” haben Boll den Ruf eines der schlechtesten Regisseure der Welt eingebracht. Zum Glück haben Zombies keine Gefühle – erst recht keine digitalen Zombies. Sonst müssten sie Angst davor haben, dass Boll sich ihres Spiels bemächtigt. Denn einen eigenständigen Charakter würde er unseren untoten Mitmenschen sicher nicht zugestehen.
So bleibt nur zu hoffen, dass sich das Ansehen der Zombies dieser Welt langfristig ins Positive wendet. Immer dort, wo man in ihre Rolle schlüpfen kann, gewinnen sie automatisch Sympathien – sei es in “Stubbs” oder auch, zumindest ein wenig – in “Left 4 Dead”. Lachen hilft übrigens auch. Im Film “Shaun of the Dead” sind die Zombies alles andere als furchterregend – allenfalls nerven sie ein bisschen.
Abschließend noch ein Film, bei dem auf jeden Fall eine Computerspiel-Adaption wünschenswert wäre: “Black Sheep”. Wer möchte nicht gegen kuschelige Zombie-Schäfchen antreten? Deshalb ein Appell an alle Spiele-Programmierer, tot oder untot: Seid fleißig, nicht faulig!



